Fuorisalone in Mailand: Lebendige Kunst und riesige Papierblumen

Jeden April verwandelt sich Mailand. Die Stadt ist dann nicht nur das Mode- und Businesszentrum von ganz Italien und Europa: für eine Woche wird sie zur Metropole des Designs, der Kunst und der Innovation. Der Fuorisalone, in den 80er-Jahren als messebegleitende Veranstaltung zum Salone del Mobile ins Leben gerufen, ist heute ein weltweit beliebtes kulturelles und urbanes Highlight.

Dieser Event hat eigentlich gar kein wirkliches Zentrum im engen Sinn: er geht von Stadtviertel zu Stadtviertel und erobert Showrooms, Innenhöfe, Werkstätten und Galerien.

Jede Ausgabe bringt neue Geschichten, Visionen und Überraschungen mit sich. Manche Inszenierungen dauern nur ein paar Stunden, andere hinterlassen einen bleibendes Zeichen. Manche Menschen erleben den Fuorisalone wie eine Ausstellung, andere vielmehr wie ein Ritual – oder wie einen Spaziergang in der Welt der Kreativität und Provokation. Hier haben wir zwei Frauen getroffen, denen es nicht reicht nur einfach dabei zu sein: sie interpretieren Design mit Originalität.

Catia Nardi, Künstlerin und Kunsthandwerkerin riesiger Papierblumen, und Laura Campolongo, Architektin und Gründerin des Studios 8-LAB. Zwei verschiedene Lebenswege, vereint durch ein tiefgreifendes Credo: Kunst und Architektur sprechen dieselbe Sprache. Beide kreieren Emotionen. Beide verwandeln Räume. Und vor allem: beide schaffen Schönheit – mit Zukunftsvision und Mut.

Ihre Zusammenarbeit entstand aus einer einfachen, aber wirkungsvollen Idee: die Altstadt ihrer Heimatmetropole neu zu beleben, beginnend mit leerstehenden Schaufenstern, die sie in Ausstellungsflächen für Handwerker und Künstler verwandelt haben. Und wie so oft begann alles mit einer gemeinsamen Freundin und einem Geplauder.

Heute hat sie dieser erste Funke direkt ins Herz des Mailänder Fuorisalone gebracht, in eines der lebendigsten Viertel von Brera, mit einem Projekt, das Material, Emotionen und Lebensgeschichten vereint.

Wir haben sie hier getroffen, um mehr über sie zu erfahren.

Hallo Catia und Laura, könnt ihr uns erzählen, wer ihr seid?

Catia: „Ich habe viele Jahre als Schaufensterdekorateurin gearbeitet, aber vor fünf Jahren habe ich mich in Papier verliebt. Besonders in riesige Papierblumen. Ich fertige sie von Hand, eine nach der anderen. Es ist ein kreativer – und, wenn man so will, auch therapeutischer – Prozess, der mich vollkommen einnimmt. Manchmal stelle ich mir nachts, nach einem langen Arbeitstag immer noch neue Formen und Farben vor.“

Laura: „Ich bin Architektin und habe das Studio 8-LAB gegründet, mit dem Ziel, Architektur und Kunst in Dialog zu bringen. Für mich bedeutet Projekte zu entwerfen nicht nur einfach technische Lösungen zu finden. Es ist ein schöpferischer und kultureller Akt. Ich bin überzeugt davon, dass Orte Emotionen erwecken müssen. Jedes Projekt sollte von etwas erzählen.“

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Laura: „Wir wollten beide etwas für die Altstadt unserer Stadt tun, die immer mehr an Lebensfreude verlor. Viele leere Geschäfte, viele ungenutzte Möglichkeiten. Wir dachten: wir können diese leeren Schaufenster doch als kleine, provisorische Galerien für Kunsthandwerk nutzen!“

Catia: „Eine gemeinsame Freundin hat uns vorgestellt. Wir hatten sehr ähnliche Vorstellungen – und daraus entstand eine wunderbare Zusammenarbeit. Wir haben sofort losgelegt: Laura hat meine Blumen in ihrem neu eröffneten Studio 8-LAB ausgestellt. Es war ein sehr gelungenes Experiment, das viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.“

Und dann kam der Fuorisalone.

Laura: „Ja, auch dank Bottega Ventisei, die uns einbezogen haben. Wir fanden uns plötzlich im Herzen von Brera wieder, mitten in einem der weltweit wichtigsten Events für Design und zeitgenössische Kunst. Es war eine unglaubliche Erfahrung.“

Catia: „Ich war buchstäblich Teil der Inszenierung. Ich wanderte mit meinen Kreationen durch die Stadt – wie eine lebendige Ausstellung. Die Leute nannten mich ‚die Blumenfrau‘. Es war berührend: die Menschen gingen auf mich zu, wollten mehr von mir wissen, mich berühren, mich verstehen. Das so zerbrechliche Papier wurde zu einem Kommunikationsmittel, das Menschen verbinden konnte.“

Was repräsentiert der Fuorisalone für euch?

Laura: „Ein Moment, in dem Mailand zu einem riesigen Kunstwerk wird. Jeder Innenhof, jeder Showroom, jede Straße erzählt eine Geschichte. Es ist eine neue Art, die Stadt mit mehr Gefühl und viel aufmerksamer zu erleben.“

Catia: „Es ist auch eine wahre Explosion an Ideen. Wir waren im Bissoni Garden, der wie ein in den Gebäuden versteckter geheimer Garten erschien. Oder im Atelier Zacus, mit seinen Vasen in allen vorstellbaren Formen und in leuchtenden Farben. In der Pinacoteca di Brera gab es eine Installation mit einem ovalen Bücherregal aus Eisen, das sich fast schwerelos drehte. Der Fuorisalone ist eine ganz eigene Welt – die zu entdecken und zu genießen ist.“

Drei Dinge, die euch besonders beeindruckt haben?

Die Erzählkraft der Räume – „Immer mehr Bereiche sind nicht nur einfach Ausstellungen: sie erzählen Geschichten, erschaffen neue Welten und öffnen sich neuen künstlerischen Visionen.“

Die Rückkehr zur Materie – „In dieser Ausgabe haben wir eine Rückbesinnung auf natürliche, authentische und mit Sorgfalt verarbeitete Materialien gespürt. Eine Hommage an das Handwerk und die Nachhaltigkeit.“

Die kollektive Energie – „Mailand wird zur Weltbühne. Teil dieser kreativen Vibration zu sein, ist eine Erfahrung, die wir tief verinnerlicht haben.“

Was nehmt ihr von diesem Event mit nach Hause? 

Catia: „Dass Kunst überall sein kann – auch auf einem Gehsteig. Man muss nur den Mut haben, sie dort hinzustellen. Meine Blumen sprechen ohne Worte. Sie haben Menschen berührt, sie zum Stehenbleiben gebracht, zum Lächeln, zum Nachdenken. Und das ist für mich unbezahlbar.“

Laura: „Dass Zusammenarbeit ein Lifestyle ist. Sie bedeutet gemeinsam an etwas, das über ein Projekt hinausgeht zu glauben. Architektur – so wie Kunst – macht nur dann Sinn, wenn sie mit den Menschen dialogieren kann. Und mit Catia haben wir über alles gesprochen.“

Die Geschichte von Catia und Laura

Die Geschichte von Catia und Laura zeigt, wie dank der Verbindung von Kreativität und Vision Orte neu belebt und aufgewertet werden können. Ein Beweis dafür, dass es nicht nur um Stadtplanung geht – es ist vielmehr eine poetische und zivile Geste. Und manchmal reicht schon eine Blume – auch, wenn sie nur aus Papier ist – um die Wahrnehmung einer ganzen Stadt zu verändern.

Blog